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'Little Brother' von Cory Doctorow

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'Little Brother' von Cory Doctorow

2010-03-13 01:28 (Kommentare: 2)

Buchbesprechung

Ich habe das Buch 'Little Brother' von Cory Doctorow, übersetzt von Christian Wöhrl, vor einer Mail weggelegt. Ich bin also noch im Nachrausch des Buches. Gestolpert bin ich selbst beim Schockwellenreiter über den Link zum Buch. Es steht unter CC-Lizenz und darf ganz ungeschoren einfach ausgedruckt werden, was mich, wenn mir etwas so sehr gefällt, dazu verleitet mir die Dinge zu kaufen. Dieses Buch muss ich haben - unbedingt.

Die Geschichte paßt in unsere Zeit. Sie paßt in die Zeit von Terrorismus, Überwachung und den Gegenmassnahmen. Sie paßt zu dem Gefühl, dass das doch alles nicht wahr sein kann. Sie zeigt einem, was möglich sein könnte. Sie gibt mir Hoffnung und einen rebellischen Nachgeschmack.

Das Buch ist schon für technikaffine Menschen geschrieben und vermutlich für einen Laien in dererlei Dingen schnell ermüdend. Hier einen Vorgeschmack:

Ich bin ein Schüler an Cesar Chavez High in San Franciscos sonnigem Mission-Viertel, und damit bin ich einer der meistüberwachten Menschen der Welt. Mein Name ist Marcus Yallow, aber als diese Geschichte begann, kannte man mich als w1n5t0n. Gesprochen „Winston“.
Nicht gesprochen „Wee eins enn fünf tee null enn“ – es sei denn, man ist son planloser Schulleiter, der rückständig genug ist, das Internet immer noch „Datenautobahn“ zu nennen.
So einen kenn ich, und der heißt Fred Benson – einer von drei Stellvertretenden Direktoren an Cesar Chavez. Der Typ ist so sympathisch wie ein Loch in der Brust. Aber wenn schon im Knast, dann doch lieber mit planlosen Wärtern als mit solchen, dies drauf haben, oder?
„Marcus Yallow“, sagte er an diesem Freitagmorgen über Lautsprecher. Die Anlage taugt sowieso nicht viel, und
dazu noch Bensons übliches Murmeln, dabei kommt was raus, das nicht so sehr nach Schuldurchsage klingt als
vielmehr nach jemandem, der sich abmüht, einen schlechten Burrito zu verdauen. Aber Menschen sind gut drin,
aus Audiokuddelmuddel ihre eigenen Namen rauszuhören – verschafft dir Überlebensvorteile.
Ich schnappte mir meine Tasche, klappte den Laptop drei Viertel zu – wollte die Downloads nicht abbrechen
– und bereitete mich auf das Unvermeidliche vor.
„Melden Sie sich unverzüglich im Büro der Schulleitung.“ Meine Gesellschaftskunde-Lehrerin Ms. Galvez verdrehte die Augen, und ich gab den Blick zurück. Der Typ hatte es immer auf mich abgesehen; nur weil ich durch die Schul-Firewall durchkomme wie durch nasse Tempos, die Schritterkennungs-Software austrickse und die Schnüffelsensorenzerlege, mit denen sie uns tracken. Egal, Galvez ist ne Gute, die dreht mir aus so was keinen Strick (zumal ich ihr mit ihrer Webmail helfe, damit sie mit ihrem im Irak stationierten Bruder reden kann).
Mein Kumpel Darryl gab mir nen Klaps hintendrauf, als ich an ihm vorbeikam. Den kenn ich schon, seit wir Windelkinderwaren und die Vorschule schwänzten, und ich bring ihn ständig in die Bredouille, aber ich hau ihn auch immer wieder raus. Ich reckte die Arme hoch wie ein Preisboxer, ließ Gesellschaftskunde Gesellschaftskunde sein und machte mich auf den Büßerweg ins Büro.
Auf halbem Weg meldete sich mein Handy. Auch son No-no – die Dinger sind an Chavez High muy prohibido –,
aber was sollte mich das stören? Ich verschwand im Klo und schloss mich in der mittleren Kabine ein (die ganz
hinten ist immer am ekligsten, weil so viele dahin gehen und denken, dass es da nicht so stinkig und siffig ist. Wer klug ist, geht in die Mitte, da ist es am saubersten). Ich hatte eine E-Mail auf dem Handy – weitergeleitet vom PC daheim. Es gab da wohl Neuigkeiten bei „Harajuku Fun Madness“, dem besten Spiel aller Zeiten.
Ich grinste. Freitags in der Schule zu sein war sowieso ätzend, und ich war dankbar für die Ausrede, hier
wegzukommen.
Ich trottete weiter zu Bensons Büro und winkte ihm beim Eintreten zu.
„Na, wenn das mal nicht Wee eins enn fünf tee null enn ist“, sagte er. Frederick Benson (Sozialversicherungsnummer 545-03-2343, geboren 15. August 1962, Mädchenname der Mutter Di Bona, Heimatort Petaluma) ist ne ganze Ecke größer als ich. Ich bin bloß mickrige 1,73, er dagegen gut zwei Meter; und seine Basketball-Zeit am College liegt so lang zurück, dass seine Brustmuskulatur inzwischen zu Hängetitten degeneriert ist, die in seinen Billigheimer-Polo-Shirts scheußlich gut sichtbar sind. Er sieht ständig so aus, als wolle er dich mit dem Arsch zuerst dunken, und er steht total drauf, seine Stimme zu heben, um auf Dramatik zu machen. Nutzt sich beides aber ab, wenn mans ständig wiederholt.
„Nö, tschuldigung“, entgegnete ich. „Hab von Ihrer R2D2-Figur da noch nie was gehört.“ „W1n5t0n“ buchstabierte er noch mal. Dann musterte er mich scharf und erwartete, dass ich klein beigäbe. Klar war das mein Nick, seit Jahren schon. Unter der Identität postete ich in Foren, in denen es um angewandte Sicherheitsforschung ging.
Na ja, halt so Zeug wie heimlich aus der Schule verschwinden und die Signalverfolgung im Handy deaktivieren.
Aber er wusste nicht, dass das mein Nick war. Das wussten nur ne Handvoll Leute, und zu denen hatte ich vollstes Vertrauen.
„Ähm, da klingelt nix“, antwortete ich. Unter dem Pseudo hatte ich ne Menge cooles Zeug gemacht – auf die Sache mit den Schnüffeletiketten-Killern war ich verdammt stolz –, und wenn er da eine Verbindung herstellen konnte, wäre ich geliefert. Niemand an der Schule nannte mich w1n5t0n oder auch bloß Winston, nicht mal meine Kumpels.
Ich hieß hier Marcus, sonst nichts.
Benson ließ sich hinterm Schreibtisch nieder und pochte mit seinem Abschluss-Ring nervös auf dem Löschpapier rum. Machte er immer, wenn die Dinge nicht so gut für ihn liefen. Pokerspieler nennen das einen „Tell“ – einen Anhaltspunkt dafür, was im Kopf des Gegenübers vorgeht. Ich kannte Bensons sämtliche Tells rauf und runter.
„Marcus, du begreifst hoffentlich, wie ernst die Sache ist.“
„Selbstverständlich, sobald Sie mir erklären, worum es geht, Sir.“ Ich sag zu Autoritäts-Typen immer „Sir“, wenn
ich sie verarschen will – das ist mein Tell.
Er schüttelte den Kopf über mich und senkte den Blick – noch ein Tell. Jeden Moment würde er anfangen mich
anzubrüllen. „Hör mal, Kleiner! Wird Zeit, dass du begreifst, dass wir wissen, was du getan hast, und dass wir
nicht gedenken, da ein Auge zuzudrücken. Du wirst von Glück reden können, wenn ich dich nicht von der Schule
werfe, bevor wir mit unserer Unterhaltung fertig sind. Du willst doch noch einen Abschluss?“
„Mr. Benson, Sie haben immer noch nicht erklärt, was das Problem ist …“
Er schlug mit der Hand auf den Tisch und zeigte dann mit dem Finger auf mich. „Das Problem, Mr. Yallow,
besteht darin, dass Sie an einer kriminellen Verschwörung beteiligt sind mit dem Ziel, die Sicherheitssysteme dieser Schule zu unterwandern, und dass Sie Ihre Mitschüler mit entsprechenden Gegenmaßnahmen versorgt haben. Wie Sie wissen, haben wir Graciella Uriarte vergangene Woche der Schule verwiesen, da sie eines Ihrer Geräte in Verwendung hatte.“
Uriarte hatte es vergeigt – hatte in einem Headshop bei der BART -Station 16. Straße nen Störsender gekauft, und das Ding hatte im Schulflur Alarm ausgelöst. Hatte ich nix mit zu tun, aber Leid tat sie mir schon.
„Und Sie denken, dass ich da mit drin stecke?“
„Wir haben zuverlässige Erkenntnisse, die darauf hindeuten, dass Sie w1n5t0n sind“ – er buchstabierte es wieder, und ich fragte mich allmählich, ob er wohl begriffen hatte, dass die 1 ein i und die 5 ein s war. „Wir wissen, dass dieser Mensch namens w1n5t0n verantwortlich für den Diebstahl der standardisierten Prüfungen im letzten Jahr war.“ Das allerdings war ich nicht gewesen; war aber ein gelungener Hack damals, und irgendwie schmeichelhaft, dass ers mir zuschrieb. „Das bringt gut und gern ein paar Jahre Gefängnis, sofern Sie sich nicht kooperativ zeigen.“
„Sie haben ‚zuverlässige Erkenntnisse‘? Ob ich die wohl mal sehen könnte?“
Er fixierte mich scharf. „Mit der Haltung kommen Sie hier nicht weit.“
„Nun, Sir, wenn es Beweise gibt, dann sollten Sie wohl die Polizei einschalten und denen die Sache übergeben.
Klingt ganz so, als sei das was Ernstes, und ich wäre der Letzte, der einer intensiven Untersuchung durch die
zuständigen Stellen im Wege stehen wollte.“
„Sie möchten also, dass ich die Polizei rufe?“
„Und meine Eltern; das wäre wohl das Beste.“
Übern Schreibtisch hinweg blickten wir einander an. Er hatte offensichtlich erwartet, dass ich einknicken würde,
sobald er die Bombe platzen ließ. Ich knicke aber nie ein. Ich kenn einen Trick, mit dem man Leute wie Benson
in Grund und Boden starrt. Ich gucke einen Hauch links an ihnen vorbei und denk an die Texte alter irischer Folksongs – die Sorte mit 300 Zeilen und so. Auf die Art seh ich aus wie völlig entspannt und im Lot.
„Und der Flügel am Vogel und der Vogel auf dem Ei und das Ei im Nest und das Nest auf dem Blatt und
das Blatt am Zweig und der Zweig am Ast und der Ast am Stamm und der Stamm am Baum und der
Baum im Moor – das Moor unten im Tal, oh! Heio, das rauschende Moor, der Baum drunten im Moor,
oh!“

„Sie können in Ihre Klasse zurückgehen“, sagte er. „Ich rufe Sie wieder, sobald die Polizei bereit ist, mit Ihnen zu sprechen.“

Das sind die ersten zwei Seiten des Buches. Ich war danach infiziert und legte es nicht mehr aus der Hand. Wer jetzt ähnlich fühlt, kann sich die deutsche Version von Christian Wöhrle holen und/oder das englische Original (Der Link führt ins Leere. Ich recherchiere das noch.). Danach freue ich mich über eure Meinungen oder auch vorher schon oder wie auch immer ;).

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Kommentar von sgo | 2010-03-24

Hallo Helena,
ich denke, ich werde wohl noch zum eifrigem Leser deines Blogs. ;) Gibt es eigentlich auch eine Art Feed dafür?

Nun zu dem Buch: Ich habe es bereits letztes Jahr gelesen und habe es quasi verschlungen. Es ist wirklich gut geschrieben und bringt einen sehr zum nachdenken. Noch mehr, wenn man weiß, dass eigentlich nicht viel dazu erfunden wurde in diesem Buch. Vieles bezieht sich auf bereits vorhandene und eingesetzte Technologien, Strategien/Mittel und Institutionen.

PS: Vom gleichen Schriftsteller und Übersetzer: Scroogled http://ia351407.us.archive.org/2/items/ScroogledInGerman/scroogled.pdf

Kommentar von Helena | 2010-03-24

Hey sgo,

das freut mich. :) Also es gibt für die ganze Seite einen RSS-Feed. Die Kommentare kann mal leider (noch) nicht abonnieren. Ich habe bisher kein extra Symbol dafür eingebaut, da die gängigen Browser den Feed ja in der Adresszeile anzeigen.
Hier ist aber die Adresse zum Abonnieren: http://www.helena-morzuch.de/helenas-blog.xml

Danke für den Buchtipp! Das muss ich mir doch gleich anschauen.

Viele Grüße
Helena

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